Unternehmen, die physische Produkte in Verkehr bringen, kommen an der Material Compliance nicht mehr vorbei. Sie ist rechtlich verpflichtender Bestandteil der Product Compliance und kein freiwilliges „nice to have“.
Unternehmen, die Material Compliance nicht frühzeitig und strategisch in ihre Prozesse einbinden, setzen sich einem erheblichen Geschäftsrisiko aus.
Allein im Jahr 2025 entfielen rund 60% der im Safety Gate gemeldeten Fälle (2.834 von 4.772 Meldungen) auf Verstöße gegen die Material & Environmental Compliance.
Zehn Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei etwa 30% (588 von 1.889 Meldungen). Der Großteil dieser Fälle betrifft aktuell noch Kosmetik und Spielzeug. Aber auch Elektro- und Elektronikgeräte und andere Produkte fallen hier vermehrt auf.
Sanktionen in der Material Compliance
Verstöße in der Material Compliance stehen zunehmend im Fokus der Behörden - mit teils weitreichenden Folgen für die betroffenen Unternehmen. In diesem Compliance Bereich ist das Ziel primär der Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt. Aufgrund dieser Ziele genügt bereits die bloße Überschreitung eines Grenzwertes, ohne dass tatsächlich ein Schaden verursacht wurde. Anders als bei der rein technischen Product Compliance reichen die Sanktionen bis zur strafrechtlichen Verfolgung.
Mögliche Konsequenzen im Überblick:
- Ordnungswidrigkeiten: Bußgelder
- Straftaten: Freiheitsstrafen, Strafzahlungen
- Weitere Maßnahmen:
- Tägliche Strafzahlung bei fortgesetztem Verstoß
- Bei ernstem Risiko: Listung im „Safety Gate“
- Rücknahme des Produkts vom Markt
- Verbot der Vermarktung des Produkts und etwaige begleitende Maßnahmen
- Aufforderung zur Entfernung des Produkts durch nationale Behörden
- Löschung des Online-Angebots
- Betriebsschließung, insbesondere bei Verstößen gegen Arbeitsschutz
- Vertragsstrafe
Aktuelle Regulierungsinitiativen und Transparenzantreiber
Die Anforderungen an Transparenz, Dokumentation und Datenverfügbarkeit steigen kontinuierlich. Relevante Entwicklungen umfassen unter anderem:
- Umweltstrafrechtsrichtlinie (EU) 2024/1203
- RoHS 2011/65/EU
- Sehr kurze Fristen zu Blei-Ausnahmen
Siehe: EU: Amtsblattlistung RoHS-Ausnahmen - Überarbeitung der EN IEC 63000 inklusive verpflichtender chemischer Analysen
Siehe: EU: Überarbeitung EN IEC 63000 (RoHS)
- Sehr kurze Fristen zu Blei-Ausnahmen
- Omnibus IV: Digitalisierung diverser Rechtsakte inklusive RoHS
- Umwelt-Omnibus: Abschaffung der SCIP, Ablösung voraussichtlich durch digitale Produktpassanforderungen
- Ökodesign-Verordnung: Einführung des Digitalen Produkt Passes inklusive „besorgniserregender Stoffe“
- Batterie-Verordnung: Stoffliche Zusammensetzung der Batterie im Batteriepass
- REACH Verordnung: PFAS-Beschränkungsvorschlag
- EU-weite Marktüberwachungsprojekte Material Compliance
- Zollreform: Einführung einer „Single Window“-Plattform, angestrebte Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Zoll und Marktaufsichtsbehörden und Effizienz der Kontrollen (übergeordnet hinsichtlich der gesamten Compliance)
Chancen und strategische Vorteile durch vorausschauende Compliance
Material & Environmental Compliance ist nicht nur eine regulatorische Verpflichtung, sondern eröffnet Unternehmen vielfältige strategische Chancen zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen:
- Resilienz durch transparente Lieferketten
- Frühzeitige Datenverfügbarkeit erhöht die Liefersicherheit
- Risiken durch Lieferanten können schneller erkannt und minimiert werden
- Vorbereitung auf den Digitalen Produkt Pass
- Unternehmen, die ihre Stammdaten systematisch strukturieren, sind besser auf die Umsetzung regulatorischer Digitalisierungsanforderungen vorbereitet, die bereits beschlossen und innerhalb der nächsten Jahre umzusetzen sind
- Informationen können mehrfach genutzt werden - Effizienzgewinn bei interner Dokumentation und externer Kommunikation
- Schutz vor Reputationsverlust und Sanktionen
- Unternehmen schützen sich vor teuren Rückrufen, Bußgeldern und Imageschäden
- Einhaltung regulatorischer Vorgaben wird zunehmend zum Entscheidungsfaktor für Geschäftspartner
- Zugang zu Märkten und Kunden
- Compliance ist Voraussetzung für Marktzugang
- Vertrauensgewinn bei Kunden und Partnern
- Effizienzsteigerung durch Einbindung der Material Compliance in Prozesse
- Nutzung bereits vorhandener Informationen durch systematische Dokumentation
- Schlanke Kommunikationskanäle, um auf Anfragen effizient reagieren zu können
- Freigabe für Produktneuanlagen oder Änderungen
- Positiver Beitrag zur Nachhaltigkeit
- Erfüllung regulatorischer Umweltziele unterstützt die ESG-Strategie
Fazit
Wer heute Informationen sammelt, kann morgen auf Anforderungen und Anfragen reagieren. Der Anspruch auf Transparenz wächst in absehbarerer Zeit. Handeln Sie rechtzeitig und beginnen Sie die benötigten Informationen zu generieren, herauszufiltern und zu strukturieren.
Lassen Sie uns gerne wissen, wenn Sie hierbei Unterstützung benötigen! Schreiben Sie uns einfach eine E-Mail mit Ihrer Frage oder nutzen Sie dazu unser Kontaktformular.
Autorin
Linda Kritzler (B. A.)
Material & Environmental Compliance Consultant
BEGRIFFE UND ABKÜRZUNGEN
Material Compliance (Stoffrecht) fokussiert sich auf die Einhaltung stofflicher Informationspflichten, Beschränkungen und Zulassungspflichten (z.B. REACH, RoHS) in Stoffen, Gemischen und Erzeugnissen, sprich welche Substanzen unter welchen Bedingungen enthalten sein dürfen. Environmental Compliance (Umwelt-Compliance) ist hingegen breiter gefasst und umfasst die Einhaltung der erweiterten Herstellerverantwortung zu Erzeugnissen (z.B. WEEE, Batterie, Verpackung) aber auch Ökodesign und weitere Themen des Abfall- und Ressourcenmanagements.
